3:6 in Kassel – Debakel der Mutlosigkeit

Es gibt Niederlagen, die lassen sich messerscharf analysieren. Die 3:6-Pleite bei den Kassel Huskies gehört nicht dazu. Eher bleiben mehr Fragen als Antworten.
Denn das erste Drittel in Kassel war wohl eines der besten, dass die Löwen in dieser Saison auswärts gespielt haben. Das begann schon vor dem Anpfiff, als das Löwen-Team entgegen der Gepflogenheiten VOR dem Heimteam aufs Eis kam. Das sollte Selbstbewusstsein demonstrieren und verfehlte seine Wirkung nicht. Mit Offensivspiel erwischten die Löwen die Nordhessen auf dem falschen Fuß. Logisch und konsequent dann auch die 2:0-Führung nach 17 Minuten durch Sevo und Barta. Kassel agierte dermaßen katastrophal im Spielaufbau, dass die Fans schon zu murren begannen. Mancher murmelte schon: „Wir haben es befürchtet – die Scheiß-Südhessen haben den Schalter umgelegt.“

Das taktische Disziplin-Zeug-Problem

Was dann folgte ist logisch nicht mehr erklärbar. Gerade noch hatte Daniel Kunce nach einem tollen Move das 3:0 auf dem Schläger, als quasi im Gegenzug das 1:2 (26.) fiel. Kann passieren. Doch dieses eine Tor machten aus selbstbewussten Frankfurter Riesen plötzlich ängstliche Kätzchen. Bei angezeigter Strafe gegen sich hörten die Löwen plötzlich auf zu spielen, Daniel Reiß bedankte sich für den Freiraum mit einem Bauerntrick zum 2:2. Kurz danach kassierte der ansonsten durchaus positiv auffallende Sven Breiter eine dämliche Strafe, zack stand es 3:2 für die Huskies. All das war noch verschmerzbar, weil Alex Althenn kurz vor Drittelende mit seinem schönen 3:3 wieder alles auf Anfang stellte. Eigentlich ein Mutbringer also. Doch nun nahm das Debakel erst so richtig seinen Lauf: 3 Gegentore binnen 145 Sekunden zwischen Minute 46 und 48.

Viele Fragen, wenig Comeback-Qualitäten

Tragisch für Torhüter Christian Wendler: Das 3:4 und somit das Schlüsseltor ging klar auf seine Kappe, der scheinbare sicher begrabene Puck rutschte ihm wieder raus, Koziol stocherte nach. Nun war auch der Goalie von der Rolle, bei den nächsten beiden Toren wirkte er nicht mehr „voll im Geschäft“. Nach dem Spiel verkroch sich Wendler in der dunkelsten Ecke und ließ den Tränen freien Lauf. Wer am Sonntag im Tor steht, will Beddoes erst spät entscheiden: „Nach so einem Spiel darf man nicht hektisch werden. Ich muss da erstmal drüber schlafen.“
Die Niederlage an Wendler festzumachen, wäre jedoch zu billig. Vielmehr stellen sich drei andere Fragen, die miteinander zusammenhängen.
Zum einen: Warum haben die Löwen in dieser Saison keine Comeback-Qualitäten? Nur ein einziges Mal haben sie gegen ein Top-Acht-Team einen Rückstand in einen Sieg umgedreht: Vor einer Woche in Hamm. Um die gute alte Zeit zu bemühen: Unter den Lions musste man sich bei einem 3:4 im letzten Drittel nicht wirklich Sorgen machen. Doch aktuell sackt die Mannschaft nach solchen Rückständen in sich zusammen.
Zweitens: Warum verliert das Team bei ungünstigem Spielverlauf so schnell den Faden? Statt einfach die glänzende Taktik des ersten Drittels weiter durchzuziehen, nämlich den Gegner offensiv an dessen Schwachstelle anzugreifen, wurden plötzlich Risikopässe in der Abwehr gespielt, der Pass nach vorne plötzlich in die Mitte statt über außen gespielt. Dazu kam: „Viele Spieler blieben zu lange auf dem Eis“, so Trainer Clayton Beddoes. Was nicht etwa an Versäumnissen beim Coaching lag. Statt nach 30-40 Sekunden zu wechseln, blieben einige Akteure ohne Not eigenmächtig auf dem Eis. Was sie nicht nur müde machte, sondern auch die Reihen zersplitterte, weil zwei schon wechselten, der Dritte aber noch irgendwo rumturnte. Beddoes musste sich zusammenreißen, diese taktische Disziplinlosigkeit nicht härter anzuprangern.

Leadership – ein scheues Reh

Und Drittens: Wo waren die Führungsspieler, die erfahrenen Akteure? Am besten, mit einem positiven Beispiel beginnen: Daniel Kunce machte noch den besten Job, gewann Zweikämpfe, spielte die Scheibe notfalls aus dem Drittel statt zu zaubern. Kapitän Martin Schweiger ging mit seiner zweiten Reihe völlig unter. Er konnte keine kreativen Impulse setzen, Roland Mayrs Physis verpuffte oft, weil in der gesamten Reihe (inklusive Breiter) das Timing fehlte. Die dritte Reihe um Seyller, Bauscher und Thau erzielte zwar das erste Tor, ging danach aber defensiv unter.
Bleibt die erste Reihe. Statistisch ist Barg, Barta und Althenn nichts vorzuwerfen: Sie waren beim 2:0 und 3:3 auf dem Eis. Doch als es richtig brenzlig wurde, konnten sie das Team nicht mitreißen. Dieses Problem ist nicht neu und es ist müßig, irgendwelche Namen von „Heilsbringern“ in die Runde zu werfen. Die Situation ist wie sie ist.
Letztlich hilft nur Eines: Das Team muss lernen, als Kollektiv „Leadership“ aufzubauen. Noch ist nicht viel verloren – außer einer großen Chance, diesen blöden Derby-Fluch abzulegen. Hinter Dortmund (9) liegen die drei Hessen-Teams und Duisburg mit je 6 gleichauf. Gefahr und Chance zugleich. Den einen wird es als Pechmarie auf Rang fünf erwischen. Wie sagte Jan Barta, allerdings vor dem Spiel: „Wir müssen langsam mal anfangen, die wichtigen Spiele zu gewinnen. Wenn und aber interessiert nicht mehr.“ Schon am Sonntag gehen Duisburg haben die Löwen die nächste Chance für dieses Vorhaben.

Kommentare

2 Kommentare zu “3:6 in Kassel – Debakel der Mutlosigkeit”

  1. Trevor Young am Sa 14.01.12 15:17

    Vielen Dank für diesen Bericht. Aus meiner Sicht ist dies der erste wirklich kritische Bericht/Kommentar in dieser Saison in den Medien. Leider glaube ich, dass es besser gewesen wäre, früher Fragen zu stellen oder Kritik zu üben!

  2. tackleberry am So 15.01.12 15:18

    Was Kit hier schreibt ist gekannt – mieses zweites Drittel zieht sich durch die gesamte Saison – was macht eigentlich Beddoes um diesen Zustand zu ändern? Leadership – Fehlanzeige! nur Breiter und immer wieder Breiter der die Checks zu Ende fährt…trotzdem – Mund abwischen und nach vorne schauen …es wird bald “klick” machen!

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