Pjotr Worobjew zum 60.
Die Party sollte immer weiter gehen. 1993 waren die Frankfurter Löwen, wie sie damals noch hießen, mit Hurra-Eishockey aus der Oberliga in die 2. Liga aufgestiegen. Da überraschte Vorstandschef Walter Langela die Spaßgesellschaft mit einem neuen Trainer: Pjotr Worobjew. Eine Russe, ausgerechnet. In jenen Jahren, die Sowjetunion war gerade erst passé, galten russische Trainer als Schleifer, harte Hunde.
Als Worobjew schließlich ankam stellte sich heraus: Er sprach nicht nur kein deutsch, sondern auch wenig englisch. Dennoch wurde die Saison erfolgreich. Die Lions kamen bis ins Playoff-Halbfinale, wo sie erst an Augsburg scheiterten. Doch den endgültigen Respekt verschaffte sich Worobjew in der Viertelfinal-Serie gegen Iserlohn, damals unter dem Namen ECD Sauerland. In der Hauptrunde hatte die Löwen vier von sechs Spielen gegen die Sauerländer verloren, dadurch auch das Heimreicht verspielt. Worobjew hatte während der Saison mit stoischer Ruhe immer mit vier Reihen durch gespielt, egal wie der Spielstand war. Das hatte ihm manche Kritik eingebracht. Dann kam die erste Partie in Iserlohn, schon damals ein heißes Duell vor ausverkauften Haus am Seilersee. Die Halle brodelte, von den Rängen flogen Bierbecher. Doch dann wurde es ruhig: Nach vier Minuten führten die Löwen 1:0, and Ende siegten sie 5:0. Worobjew hatte den Gegner perfekt analysiert. Im Heimspiel fegten die Löwen Iserlohn gar 8:0 vom Eis, mit dem anschließenden 4:3 im Sauerland war der Sweep perfekt.
Aus Amateuren Profis gemacht
„Für meinen Vater war die Zeit damals auch nicht einfach, Sprache, Land, politisches System – alles war neu“, erzählt Ilja Worobjew, der als 17-Jähriger mit nach Frankfurt gekommen war. In der Kabine herrschte Sprachgewirr: Bayrisch, deutsch, russisch,englisch. Mal übersetzten die Brüder Martin und Igor Schultz, mal Co-Trainer Viktor Doroschenko, mal Ilja, der gut englisch sprach. Dennoch hatte der Moskauer, der selbst als Mittelstürmer einige Jahre für Dynamo Riga spielte, den Respekt der Stars wie Mannix Wolf, Roger Nicholas oder Ton Thornbury. Pjotr Worobjew tat sich lange mit der deutschen Sprache schwer. Für ein paar Wochen sollte eine Russin, die in Frankfurt verheiratet war, die Pressekonferenzen dolmetschen, hatte dummerweise aber keine Ahnung von Eishockey. Wenn Worobjew dann mitten im russischen Satz „Pauerplai“ sagte, übersetzte sie „Kraftspiel“.
In der zweiten Saison, 1994/95 wurden die Lions in die DEL aufgenommen, mit Stars wir Jiri Lala und Robert Reichel sorgten sie für viel Wirbel. Allerdings kam in den Playoffs das Aus in fünf Spielen gegen Kassel, wenn die Stars nicht trafen, kam auch von den anderen nicht viel. Entgegen mancher Überlieferung kam Worobjew mit den Stars Lala und Reichel durchaus klar. Das Verhältnis kühlte sich erst 1995/96 ab, als der Playoff-Gegner erneut Kassel hieß und Lala und Reichel eher lustlos über das Eis schlichen, weil sie schon lukrative Anschluss-Verträge in der Schweiz hatten. Nach der Saison lief der Vertrag mit Worobjew aus. Er ging darauf zu Lokomotive Jaroslawl, mit denen er auf Anhieb russischer Meister wurde.
Trophäensammlung im Billardzimmer
Dieses Bravourstück machte ihn endgültig zu einem gefragten Mann in Russland. Später trainierte Pjotr Worobjew Lada Togliatti und Khimik, gewann als Co-Trainer Silber bei den Olympischen Spielen in Nagano und betreute 2006 bei der WM das lettische Team. Danach wollte er eigentlich aufhören, doch nach drei Monaten Florida wurde es ihm zu langweilig und er übernahm erneut Togliatti.
„Da sind schon so einige Trophäen zusammen gekommen“, erzählt Ilja lachend. Im Billard-Zimmer der Worobjews pflegt Ehefrau Nina die guten Stücke. Nicht nur Pokale und Medaillen, auch Fotos mit den ganz Großen wie Kasparaitis, Fedorow, Koslow und sie alle heißen. Als große Überraschung wird am 7. Februar das russische TV einen Beitrag zu Pjotr Worobjews 60. Geburtstag (28.1.1949) ausstrahlen, wo nicht nur NHL-Legenden ihre Grüße übermitteln, sondern auch Wegbegleiter aus Frankfurt. „Mein Vater hat an Frankfurt und die Lions immer eine gute Erinnerung, die Zeit hier hat ihm viel Spaß gemacht.“ Dass Pjotr Worobjew ein unterhaltsamer Mensch sein konnte, erfuhr ein kleiner, exklusiver Kreis am Ende seiner Zeit in Frankfurt. Nach einem guten Essen wurde die ein oder andere Flasche geköpft. Irgendwann meinte Pjotr: „Darf ich mal meine Frau anrufen?“ Die ahnte wohl schon, was kam: „Du Schatz, es wird später heute.“ Und es wurde spät.


