Zeichen gesetzt – Kapitän wechselt
Die erste Neuigkeit im Training war eher unabsichtlich: Die Anweisungen von Trainer Clayton Beddoes erfolgten auf englisch. „Das habe ich nicht bewusst gemacht, manchmal kann man es auf englisch prägnanter ausdrücken“, so der Coach. Ganz nach dem KISS-Motto: „Keep it simple, stupid.“
Das wirklich neue Zeichen hob sich der Trainer für eine kurze Teamsitzung nach dem Training auf – und setzte damit um, was er schon Sonntagabend angekündigt hatte, nämlich einen neuen Kurs zu fahren. Ab sofort wird in jedem Spiel ein anderer Akteur Kapitän sein!
„Ich habe die Spieler aufgefordert, jene acht Kollegen auf einen Zettel zu schreiben, die sie für Führungspersonen halten. Von diesem acht Akteuren wird jeder in den kommenden acht Spielen einmal Kapitän sein“, erklärt Beddoes. Der bisherige Kapitän Martin Schweiger war zwar nicht begeistert, akzeptierte aber den Schritt des Trainers. „Es geht nicht darum, Martin Schweiger anzuprangern. Es geht viel mehr darum, alle Spieler in die Pflicht zu nehmen“, ergänzt Sportdirektor Michael Bresagk, zugleich Co-Trainer, die Maßnahme, „denn bislang haben zu wenig Spieler bei uns Verantwortung übernommen.“
2:4 gegen Nauheim – zu brav für diese Welt
Gegen Nauheim kann man mal verlieren. Das ist nicht nur ein Schmähgesang der Wetterauer Fans, sondern schlicht die Wahrheit.
Natürlich kann man sich nach der 2:4-Niederlage gegen Bad Nauheim über einige individuelle Fehler ärgern, kann die Abschlussschwäche der Löwen-Stürmer beklagen, sich über Ryan Fairbarns schwachen Penalty kurz vor Schluss wundern (es durfte übrigens nur ein Spieler antreten, der auch gerade auf dem Eis war; im Training gehört Fairbarn zu den besten Schützen) und man muss sogar die häufige Unkonzentriertheit im Mittelabschnitt hinterfragen.
Doch auch so reicht die Qualität gegen das beste Team der Liga nicht aus. Was auch nicht das Kernproblem ist. Übrigens hat auch Kassel bislang alle drei Spiele gegen die Roten Teufel verloren. Mangelnden Einsatz kann man den Löwen-Spielern in dieser Partie jedenfalls nicht vorwerfen.
Beddoes: „Ich habe mich in der Mannschaft getäuscht“
Das Problem ist viel mehr: Die Qualität des Teams reicht noch nicht mal gegen Teams wie Königsborn, wenn es nicht mit 100 Prozent Einsatz agiert. Diese fehlende Bereitschaft in einigen Spielen ist für Fans und Beobachter schon überraschend, noch viel mehr aber für Trainer Clayton Beddoes. Wie sehr ihn das beschäftigt zeigt die Tatsache, dass er selbst in der Pressekonferenz nach dem Nauheim-Spiel fast nur über die Partie in Königsborn sprach. „Das ICH in einem Spiel wie in Unna, wo jeder wusste worum es geht, Druck auf die Mannschaft machen musste, mehr Engagement zu zeigen, ist für mich überraschend.“
Lange hatte er gehofft (und auch geglaubt), auf Rumgebrülle, Wutanfälle wilde Gesten verzichten zu können. Noch bis vor kurzem war er sich sicher, die Mannschaft hätte aus sich heraus Charakter, würde nun in der Meisterrunde einfach einen Gang höher schalten, Eigenverantwortung zeigen. „Da habe ich mich getäuscht“, gesteht er.
Notfalls die harte Tour
Die harte Tour ist eigentlich nicht sein Ding, „aber wenn es sein muss, kann ich das auch.“ Und muss er wohl auch. Denn die Mannschaft wirkt zu brav. Vielleicht muss etwas Reibung erzeugt werden, damit das Team nicht in lauter Harmonie untergeht. „Ich werde ein deutliches Zeichen setzen“, so Beddoes.
Aus Löwen-Sicht war eine „Bastard-Aktion“ wie die von Nauheims Dylan Stanley nach seinem 2:1 bitter, als er die Zuschauer höhnisch provozierte. Doch im Grunde bräuchten die Löwen selbst so ein Typen, der mit solchen Aktionen auch ein Signal nach innen setzt. Zu Lions-Zeiten war dies ein José Charbonneau, der mit seiner Arroganz gepaart mit Können die Gegner einschüchterte. Mit Pussy-Hockey jedenfalls werden die Löwen nichts mehr reißen.
2:3 in Unna – kollektives Versagen
Wieder so eine Nacht, wo sie ratlos vor dem Bus stehen.
Wieder so eine Nacht, in der sie erst einen Vorsprung und dann das Spiel achtlos weggeschmissen haben.
Wieder so eine Nacht, in der sich Parolen und „Jetzt erst recht“-Schwüre der Löwen-Spieler in Luft aufgelöst haben.
Dafür sprach Trainer Clayton Beddoes nach der peinlichen 2:3-Niederlage in Königsborn trotz eines 2:0-Vorsprungs – nahezu eine Kopie der 2:5-Blamage an gleicher Stelle im vergangenen Oktober – Klartext: „Wenn wir so weiterspielen gewinnen wir kein Spiel mehr.“
Gemeint ist: Kopflos, planlos, ideenlos und körperlos gegen ein Team, das nur mit 7 Stürmern angetreten war und dennoch seine drei Tore fünf gegen fünf erzielte. Großartig in die Einzelkritik zu gehen, führt in diesem Fall nicht weiter. Kein Einziger hat an diesem Abend seine beste Leistung abgerufen.
Jetzt heißt es nur noch „do or die“
Im Grunde muss jeder für diese Niederlage dankbar sein – und das ist keineswegs zynisch gemeint. Angesichts der Konstellation mit fünf Kandidaten um Top-Vier-Plätze ist der Blick auf das Wesentliche plötzlich so klar geworden wie der in den Nachthimmel über der Antarktis: Es gibt keine Ausreden mehr (etwa über das Fehlen von Simon Barg), es brauchen keine Botschaften mehr auf Facebook oder Twitter verbreitet zu werden, jetzt gibt es nur noch eine einzige Antwort, nämlich die auf dem Eis.
Jetzt heißt es „do or die“, jedes Spiel wie eine entscheidende Partie in einer Playoff-Serie. Denn die drei verlorenen Punkte in Königsborn können die komplette Saison zerstören. Danach fällt die Beurteilung ganz leicht. Schafft die Mannschaft mit dem Rücken zur Wand die Top-4-Qualifikation und schlägt dabei auch wenigstens zwei Mal Dortmund, Kassel oder Bad Nauheim, hat sie Charakter bewiesen. Schafft sie es nicht, würden sich alle (Selbst-)Bekenntnisse zur „guten Teamchemie“ als heiße Luft erweisen und sie hätte als Kollektiv versagt.
Sollten einige Spieler bislang zu viel gegrübelt haben, hat sich das nun erledigt. Mit dem „wenn und aber“ ist es auch vorbei. Vielleicht macht die aktuell Lage nun die Köpfe frei. Andernfalls dürften einige Jobs zur kommenden Saison frei werden.
Inaktivitäts-Ausnahme zulässig – Favorit hat abgesagt
Mittlerweile herrscht Klarheit darüber, ob die Löwen auf den Ausfall von Topscorer Simon Barg noch reagieren dürfen: Die Frankfurter könnten auch nach Ablauf der Wechselfrist einen Akteur verpflichten, der mindestens 24 Monate nicht gespielt hat und über 28 Jahre ist. Weitere Bedingung: Er muss deutsche Herkunft haben und darf nicht Transferkarten-pflichtig sein. Damit fallen Kandidaten wie Jason Young oder Steve Palmer – unanhängig von der 24 Monatsregel – automatisch raus.
Ein Kandidat, der wohl am besten gepasst hätte, hat Sportdirektor Michael Bresagk abgesagt: Markus Jocher. Dass der „Joker“ vor 16 Monaten einen einmaligen Einsatz bei der Regionalliga-Löwen hatte, wäre kein Handicap gewesen, sondern ein Vorteil. Dadurch wurde er Vereinsmitglied der Young Lions und hätte ohnehin eine Spielberechtigung, da die YL für den LEV-NRW der Stammverein der Löwen Spielbetriebs-GmbH ist.
„Jetzt erst recht“-Haltung im Team
Zwar hält Michael Bresagk weiter die Augen offen, aber der Trend geht eher dahin, nicht auf Teufel komm raus jemanden zu holen: „Es macht ja nur Sinn, wenn uns ein entsprechender Spieler auch wirklich weiterhelfen kann. Ein Ergänzungsspieler bringt uns nicht weiter.“
Eine Teamsitzung habe Bresagk in seiner Haltung bestätigt: „Es gibt eine ´Jetzt erst recht´-Haltung. Die Jungs sind unheimlich entschlossen, als Kollektiv die Situation zu meistern. Damit wollen sie auch für Simon spielen, der natürlich am meisten leidet.“ Am gestrigen Donnerstag war fast das komplette Team zu Besuch bei Simon Barg in der Uni-Klinik, um ihm Mut zuzusprechen und beste Genesung zu wünschen.
DEB-Spielordnung bietet Chance zur Nachverpflichtung
Jetzt sind Regelkundler gefragt. Wie schon am Dienstagabend nach dem verletzungsbedingten Saisonaus von Topscorer Simon Barg vermutet, könnte es eine Möglichkeit für die Löwen geben, trotz Ablauf der Wechselfrist noch einen Spieler nachverpflichten zu können.
Den Ansatz dafür bietet die Spielordnung des des Deutschen-Eishockey-Bundes (DEB) sein, § 55-57. Dort heißt es: „Ist ein Spieler seit wenigstens zwei Jahren inaktiv und mindestens 28 Jahre alt, kann er sich auch nach den offiziellen Wechselfristen noch einem Verein anschließen.“ Grundsätzlich akzeptiert auch der LEV-NRW, unter dem die Oberliga West organisiert ist, diesen Passus. Wie genau diese Sonderregel zu interpretieren ist, dazu konnte selbst NRW-Obmann Markus Schweer am gestrigen Mittwoch noch nichts genaues sagen.
In jedem Fall betrifft dies nur Spieler mit deutscher Staatsangehörigkeit. Und es gibt durchaus Akteure, die diese Bedingungen erfüllen und spielfähig wie fit genug wären. Sportdirektor Michael Bresagk hat schon eine kleine Liste parat: „Doch zu erst müssen wir verbindlich wissen, wie die Rahmenbedingungen sind.“
Das ebenfalls ins Spiel gebrachte EU-Recht, demnach arbeitslosen Spielern nicht das Recht auf Arbeit verweigert werden darf, ist kurzfristig keine Lösung. In der DEB-Satzung gibt es dazu keinen Paragraphen, auch Fußballverbände wie die DFL lassen keine Sonderregel zu. Ein juristische Auseinandersetzung vor Gericht dauert bekanntlich Monate. „Diesen Weg zu gehen, ist für uns kein Thema“, so Bresagk.

